Archiv für die Kategorie ‘Fotografie’
Das Auge des Betrachters
Vor einigen Jahren besuchte ich die Alhambra – die ursprünglich maurische Festung bei Granada, die im Zuge der Reconquista zufällig im selben Jahr, in dem Christoph Kolumbus die Bahamas mit Indien verwechselte, von den Spaniern erobert wurde und heute zu den meistbesuchten Touristenattraktionen Europas zählt. Ich finde es immer schwer, die historische Tragweite solcher Orte zu erfassen.
Die Alhambra ist ja nicht nur eine Burg, sondern auch ein Markt, ein Bad, ein Tempel, eine Gartenanlage und eine kleine Stadt. Wie konnten die mittelalterlichen Menschen so etwas ohne Motoren und Elektrizität überhaupt bauen? Wie stellten sich die unendlich feinen Schnitzereien, Mosaike, Säulen und Skulpturen in ihren Augen dar, in den Augen der Bewohner sowie der Künstler, die unendlich viel Arbeit darin investiert haben mussten? Waren sie stolz auf ihr Werk oder vor allem demütig vor ihrem Gott, oder beides? Oder war es selbstverständlich für sie, mit einer Sorgfalt zu Werke zu gehen, wie wir sie heute wirklich nur noch aus der historischen Überlieferung kennen? Welche Machtfülle drückte sich darin aus, wenn einer Familie oder »einem Haus«, wie es vielsagend hieß, ein solcher Palast errichtet wurde, wie kam solche Machtfülle zustande, wie wurde sie von den Beteiligten wahrgenommen und erklärt? Was war das für eine seltsame Ambivalenz in einer solchen Zivilisation, die durch und durch kriegerisch war und massenhaft Blut vergoss, ohne dass es etwas Besonderes gewesen wäre, die keine allgemeinen Menschenrechte kannte und auf der anderen Seite über eine so hochentwickelte Kunstfertigkeit und Spiritualität verfügte? Woher nahmen die katholischen Spanier die Weisheit und kulturelle Offenheit, die durch und durch islamische Kunst und Symbolik des Palastes, den sie übernahmen, unangetastet zu lassen? Oder ist es nur meine Voreingenommenheit, die darin eine Ambivalenz und einen Widerspruch sieht; kann ich mir überhaupt auch nur ansatzweise eine Vorstellung davon bilden, wie diese Menschen die Welt sahen, wie sie dachten und fühlten?
Es sind Fragen wie diese, die ich an solchen Orten vor mir hertrage, ohne freilich von den stummen steinernen Majestäten irgendwelche befriedigenden Antworten zu bekommen. Ich tröste mich mit meiner Vermutung, dass es sicher helfen würde, die entsprechende Zeit und Kultur intensiv zu studieren, sich mit den politischen Vorgängen, in die sie verwoben waren, zu befassen, aber auch mit der Poesie der jeweiligen Epoche, mit den wirtschaftlichen Verhältnissen, den Bedingungen des Alltagslebens und so weiter. Mit meiner Vermutung, dass man diese Welt dann durchaus verstehen könnte; wohl nicht vollkommen, aber besser als beim flüchtigen Hinsehen.
Doch wer hat dazu schon Zeit?
An meiner eigenen Kultur und Zeit jedoch fiel mir etwas auf. Nämlich zunächst einmal, dass von meinen Zeitgenossen – zumindest den anwesenden – bei dem Versuch, die in der Alhambra verkörperte Kultur zu verstehen, keine Hilfe zu erwarten war. Unzählige Male beobachtete ich an ihnen den immer selben Bewegungsablauf. Man ging ein paar Schritte, wobei man den Blick schweifen ließ. Man sah etwas Bemerkenswertes. Man hob die Digitalkamera oder das Handy, das eine enthielt, knipste das jeweilige Objekt, ließ die Hand mit dem Gerät sinken – und wandte schon währenddessen den Blick ab und setzte das Schlendern fort. Die jeweiligen Objekte waren anscheinend neutralisiert, sobald man sie fotografiert hatte; jedenfalls war augenblicklich alles Interesse an ihnen verpufft.
Wahrscheinlich hatten all die Hobbyfotografen im Kern das gleiche Problem wie ich, nämlich die Kunst nicht in einer Weise rezipieren zu können, die ihr irgend gerecht würde, und die Kamera löste dieses Problem. Was du siehst, besitzt Größe, aber du findest keinen Bezug dazu? Mach ein Foto. Man kontert die Wand der kulturellen Distanz, die zwischen Objekt und Betrachter steht, indem man in Gestalt der Kamera eine eigene Wand dagegensetzt und sich somit vollends aus der Szene entfernt – wenn es Klick macht, ist es völlig egal, wessen Finger den Auslöser betätigt.
Wenn wir es ernst damit meinen, Schönheit in die Welt bringen zu wollen, müssen wir auch in der Lage sein, sie zu erkennen, und was viel schwieriger ist, sie auch nach dem Augenblick des Erkennens noch zu sehen und vor allem anzusehen. Das Problem, dass man dafür auch Zeit haben muss, ist real, aber es ist auch unkompliziert. Das Zeitpensum, das uns zur Verfügung steht, können wir nicht vergrößern, aber wir können – und müssen – entscheiden, was wir damit machen.
Michael Kimmelman hat im Louvre ähnliches beobachtet wie ich in der Alhambra und für die New York Times den Artikel »At Louvre, Many Stop to Snap but Few Stay to Focus« darüber geschrieben.
A few game tourists glanced vainly in guidebooks or hopefully at wall labels, as if learning that one or another of these sculptures came from Papua New Guinea or Hawaii or the Archipelago of Santa Cruz, or that a work was three centuries old or maybe four might help them see what was, plain as day, just before them.
Ich könnte mir fast vorstellen, dass wir umso häufiger zur Kamera greifen, je weniger Wandtäfelchen da sind.
Imagine
Wir können mehr herstellen, als wir uns vorstellen können – das ist noch einmal, natürlich, Günther Anders, und auf dieses von ihm so bezeichnete »prometheische Gefälle« werden wir noch zu sprechen kommen. Heute aber möchte ich nur auf den verblüffenden Umstand hinweisen, dass der US-amerikanische Fotograph und Grafikkünstler Chris Jordan in seiner Arbeit aufs Genaueste die verhängnisvolle Doppelnatur des Menschen, die Anders beschreibt, anschaulich macht – indem er an einer Abbildung des Herstellens scheitert und in dem Versuch, seinen Gegenstand doch noch irgendwie einzuholen, gezwungen ist, von der Fotographie zu einer Werkform überzugehen, welche der Sache näher kommt, zugleich aber die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung sprengt.
Für seine Fotoserie »Intolerable Beauty: Portraits of American Mass Consumption« trieb sich Jordan auf Müllhalden herum, um die schieren Massen verbrauchter Güter, die in der modernen Gesellschaft anfallen, zu dokumentieren.
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[All this waste] is something that’s sort of kept hidden, so Jordan. Er berichtet von ganz praktischen Problemen, auf die er beim Fotographieren stieß, da er sich für eine Schattenseite unserer Kultur interessierte, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.
I also felt like I aged about five years during this series. Virtually all the photos…required that I trespass. I’d go ask [for permission to photograph these piles of waste] but I’d get all these vague excuses: Homeland Security, insurance regulations…. I think it was really a weird fear about photography and exposure [even though] I offered veto [power], showed them my previous work, and explained I didn’t name individuals or companies. This was about [documenting] a nationwide, cultural phenomenon.
Und zu diesen praktischen kamen künstlerische Probleme. Der Auswurf des Massenkonsums erwies sich als zu maßlos, um ihn auf ein Foto oder auch mehrere Fotos zu bekommen.
Initially, I thought I was seeing the scale [but] in the end, I realized this was the tiny tip of the iceberg. (…) It was interesting to see the limitations of this series and the photos. [Mass consumption is an] invisible phenomenon– there’s no one place I can go to capture it all.
Also wandte er sich der Montagetechnik zu, um der Darstellung des Ganzen näherzukommen. Das Ergebnis sind die Serien »Running the Numbers« und »Running the Numbers II«. Im Internet lässt sich der Inhalt dieser Montagen nur darstellen, indem immer kleinere Bildausschnitte in immer höheren Zoomfaktoren gezeigt werden. Ein Bild zeigt dann etwa 28 000 Ölfässer, die der Ölmenge entsprechen, die in den USA in zwei Minuten verbraucht wird. Eines zeigt 100 Millionen Zahnstocher, um die Anzahl von Bäumen zu veranschaulichen, die in den USA jährlich für die Produktion von Werbewurfsendungen fallen müssen. Und eines zeigt 320 000 Glühbirnen als Metapher für die Kilowattstunden Strom, die minütlich verschwendet werden.
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Doch was diese Bilder zeigen, sind immer Einheiten pro Zeitintervall, und manchmal ist dieses Zeitintervall nur ein Augenblick. Mehr als die Spitze des Eisbergs sehen wir immer noch nicht.
Ring of Fire
Am 12. Juni beobachteten und fotografierten Astronauten auf der Raumstation ISS einen Ausbruch des Vulkans Pik Sarytschewa auf der russischen Insel Matua. Die Aschesäule schoss 12 Kilometer in die Höhe. Obwohl die Kurilen-Inseln, zu denen Matua gehört und die eine Verbindungslinie von Kamtschatka bis zum japanischen Hokkaidō beschreiben, teilweise bewohnt sind, waren keine Menschen in Gefahr.

Die NASA stellte außer den Fotos noch eine kurze Animation zur Verfügung, die einen dreidimensionalen Eindruck von der Wolke vermittelt.

Die fast perfekte Linienform der Kurilen verdankt sich der Tatsache, dass die ganze Inselkette vulkanischen Ursprungs ist. Sie ist Teil des pazifischen Feuerrings / Ring of Fire, der den Ozean umgibt, wo die pazifische auf die benachbarten tektonischen Platten stößt. An dieser Bruchlinie der Erdkruste finden sich rund 75 Prozent der Vulkane und entstehen 90 Prozent aller Erdbeben auf dem Planeten.
Nachtrag, 28. Juni: Eine durch diesen Vulkanausbruch entstandene Schwefeldioxid-Wolke treibt immer noch durch die Atmosphäre und erreicht derzeit Europa. Am 22. wurde sie, in Sonnenlicht getaucht, aus dem Flugzeug über Kanada fotografiert.
Anima
Devid schickt uns
drei Fotos aus der Ukraine, Privataufnahmen. Daraus lässt sich vielleicht ablesen, welche Schönheit dieser Ort einst besessen hat, welche Schönheit die politische Realität mit ihrer Einheitsarchitektur erdrückte und wie gut es tut zu sehen, dass die Natur früher oder später schon wiederkommen wird. Die Fotos stammen aus dem Geisterdorf Pripyiat, neben dem Unglücksreaktor von Tschernobyl.
Außerdem:
Delphine, die Luftringe unter Wasser pusten und die auch noch beeinflussen können. Sehr schön – und physikalisch im Übrigen ein totales Mysterium.
Fatigue
— Günther Anders
Centralia, Columbia Co., Pennsylvania, USA
Location of a burning anthracite coal mine along PA route 61 in Columbia County, the largest underground coal fire in the US. The fire originated in a trash dump in a strip mine near Odd Fellows Cemetery in 1962. Mistakenly believed to have been extinguished that same year, the fire was allowed to continue burning (mindat.org).
Dies und mehr: Abandoned Places in the World
Ashes and Snow – Feather to Fire
www.ashesandsnow.org
(Eingesandt von Christoph Gonzales Gomez)
»Von hier aus sehen die Kinder das Meer nicht«
Danilo Dolci, von der italienischen Wikipedia – die deutsche kennt ihn nicht – als »sociologo, poeta e attivist« charakterisiert, hatte sich seit den frühen 1950er Jahren für die Armen Siziliens eingesetzt. Er hatte hungernde Kinder mit Nahrung versorgt, die Anlage eines Stausees und den Bau einer wichtigen Verbindungsstraße erwirkt, eine Schule und einen Radiosender ins Leben gerufen und vieles mehr. Er hatte vom Staat Verworfenen ein Entkommen aus ihrer Resignation ermöglicht und war dafür immer wieder mit jenem in Konflikt geraten; der »umgekehrte Streik« von 1956 – die Ausbesserung einer verfallenen Straße durch eine Gruppe von Arbeitslosen – hatte ihm zwei Monate Gefängnis eingebracht.
In den »Conversazioni con Danilo Dolci« von 1977 berichtet er von seinen Erfahrungen.
Um kreativ zu sein, um sich neue Fragen zu stellen, muss man die Fähigkeit haben, genau zu beobachten, die Realität genau zu sehen. Um das zu erreichen, haben wir als ganz wichtiges Instrument auch Lyrik und Literatur benutzt. Die Kinder und die Erwachsenen sollten begreifen, dass es nicht zwei Bäume gibt, die sich gleichen, dass es nicht zwei Vögel gibt, die sich gleichen, nicht zwei Blütenblätter, nicht zwei Augen.
(…) Eines Tages packte mich ein alter Sizilianer an der Hand und sagte: »Da sind Enten«. Er wollte damit sagen, jetzt, wo wir den großen Stausee haben, bleiben die Enten hier, die früher über das trockene Sizilien hinwegflogen, ohne sich niederzusetzen. Er hatte begriffen, dass wir alles zum Guten verändern können, sogar die Natur. (…)
Wir hatten ein Erziehungszentrum geplant. Viele Konzeptionsbesprechungen hatten stattgefunden, ein Standort war gefunden worden, außerhalb von Palermo. Wir hatten einen alten Sizilianer dorthin mitgenommen, um seine Meinung zu hören. Er aber sagte: »Nein. Von hier aus sehen die Kinder das Meer nicht.« Und wir fanden mit ihm gemeinsam einen besseren Platz, von dem aus die Kinder das Meer und das nun fruchtbar gewordene Gebiet und damit die Entwicklung Siziliens sehen konnten.
(…) In einem Seminar für 12- bis 14jährige Kinder stellten wir die Frage, wieviele Arten von Stille es gebe. Ein Zwölfjähriger, der die Diskussion leitete, schlug vor, jeder sollte aufs Feld gehen, allein, und darüber nachdenken. Nach einer halben Stunde kamen wir wieder zusammen. Der erste Junge sagte: »Stille der Mitternacht, wenn ein Mafia-Mann einen anderen überfällt.« Ein Mädchen meinte: »Stille, wenn eine Mama erstmals ihr Kind säugt.« Und ein anderer Junge: »Stille, wenn Vater den ganzen Tag Arbeit gesucht hat und abends von der Familie angesehen wird.«
Plötzlich meldete sich einer, der feststellte, das sei alles falsch. Das Problem sei ein ganz anderes. Es gebe gar keine Stille. Nach einer großen Diskussion kam man überein: Es gibt keine Stille. Es gibt die Fähigkeit zu hören, zu lernen, zu verändern – oder nicht.
Löwenhof/Alhambra; Bild: 






