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»Von hier aus sehen die Kinder das Meer nicht«

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Danilo Dolci, von der italienischen Wikipedia – die deutsche kennt ihn nicht – als »sociologo, poeta e attivist« charakterisiert, hatte sich seit den frühen 1950er Jahren für die Armen Siziliens eingesetzt. Er hatte hungernde Kinder mit Nahrung versorgt, die Anlage eines Stausees und den Bau einer wichtigen Verbindungsstraße erwirkt, eine Schule und einen Radiosender ins Leben gerufen und vieles mehr. Er hatte vom Staat Verworfenen ein Entkommen aus ihrer Resignation ermöglicht und war dafür immer wieder mit jenem in Konflikt geraten; der »umgekehrte Streik« von 1956 – die Ausbesserung einer verfallenen Straße durch eine Gruppe von Arbeitslosen – hatte ihm zwei Monate Gefängnis eingebracht.


(Philipp Klinger / cc)

In den »Conversazioni con Danilo Dolci« von 1977 berichtet er von seinen Erfahrungen.

Um kreativ zu sein, um sich neue Fragen zu stellen, muss man die Fähigkeit haben, genau zu beobachten, die Realität genau zu sehen. Um das zu erreichen, haben wir als ganz wichtiges Instrument auch Lyrik und Literatur benutzt. Die Kinder und die Erwachsenen sollten begreifen, dass es nicht zwei Bäume gibt, die sich gleichen, dass es nicht zwei Vögel gibt, die sich gleichen, nicht zwei Blütenblätter, nicht zwei Augen.

(…) Eines Tages packte mich ein alter Sizilianer an der Hand und sagte: »Da sind Enten«. Er wollte damit sagen, jetzt, wo wir den großen Stausee haben, bleiben die Enten hier, die früher über das trockene Sizilien hinwegflogen, ohne sich niederzusetzen. Er hatte begriffen, dass wir alles zum Guten verändern können, sogar die Natur. (…)

Wir hatten ein Erziehungszentrum geplant. Viele Konzeptionsbesprechungen hatten stattgefunden, ein Standort war gefunden worden, außerhalb von Palermo. Wir hatten einen alten Sizilianer dorthin mitgenommen, um seine Meinung zu hören. Er aber sagte: »Nein. Von hier aus sehen die Kinder das Meer nicht.« Und wir fanden mit ihm gemeinsam einen besseren Platz, von dem aus die Kinder das Meer und das nun fruchtbar gewordene Gebiet und damit die Entwicklung Siziliens sehen konnten.

(…) In einem Seminar für 12- bis 14jährige Kinder stellten wir die Frage, wieviele Arten von Stille es gebe. Ein Zwölfjähriger, der die Diskussion leitete, schlug vor, jeder sollte aufs Feld gehen, allein, und darüber nachdenken. Nach einer halben Stunde kamen wir wieder zusammen. Der erste Junge sagte: »Stille der Mitternacht, wenn ein Mafia-Mann einen anderen überfällt.« Ein Mädchen meinte: »Stille, wenn eine Mama erstmals ihr Kind säugt.« Und ein anderer Junge: »Stille, wenn Vater den ganzen Tag Arbeit gesucht hat und abends von der Familie angesehen wird.«

Plötzlich meldete sich einer, der feststellte, das sei alles falsch. Das Problem sei ein ganz anderes. Es gebe gar keine Stille. Nach einer großen Diskussion kam man überein: Es gibt keine Stille. Es gibt die Fähigkeit zu hören, zu lernen, zu verändern – oder nicht.

Geschrieben von Sebastian

22. Juni 2009 um 12:30

Veröffentlicht in Fotografie, Homo faber, Literatur, Poesie

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