Archiv für die Kategorie ‘Poesie’
Moleskin
Einzelne Worte oder auch Sätze und Absätze, Fragen, Antworten, Aphorismen, Fragmente, Gedichte, Warnungen, Befürchtungen, Beschwörungen, Beschwerden, Erzählungen, Ideen und Visionen können ab sofort in unserem Moleskin in Gestalt eines unendlichen Notizzettels niedergeschrieben werden. Was daraus wird, wissen wir nicht, aber wir wissen immerhin: Jedes Epos beginnt mit einem Wort.
Deutschlands Zukunft
Worte
Man hatte uns Worte vorgesprochen, die von
nackter Schönheit und Ahnung und zitterndem
Verlangen übergiengen.Wir nahmen sie, behutsam wie fremdländische
Blumen, die wir in unsrer Knabenheimlichkeit
aufhiengen.Sie versprachen Sturm und Abenteuer,
Überschwang und Gefahren und todgeweihte
Schwüre -Tag um Tag standen wir und warteten, daß ihr
Abenteuer uns entführe.Aber Wochen liefen kahl und spurlos, und
nichts wollte sich melden, unsre Leere
fortzutragen.Und langsam begannen die bunten Worte zu
entblättern. Wir lernten sie ohne
Herzklopfen sagen.Und die noch farbig waren, hatten sich von
Alltag und allem Erdwohnen geschieden:Sie lebten irgendwo verzaubert auf
paradiesischen Inseln in einem märchenblauen
Frieden.Wir wußten: sie waren unerreichbar wie die
weißen Wolken, die sich über unserm
Knabenhimmel vereinten,Aber an manchen Abenden geschah es, daß wir
heimlich und sehnsüchtig ihrer verhallenden
Musik nachweinten.Ernst Stadler, 1914
Das Gedicht wurde auch bei der polizeilichen Vernehmung am 28.7.09 zu Protokoll gegeben. Mehr zu den Hintergründen in der WDR-Reportage, die bei politicalbeauty.de abrufbar ist.
Sowie
Sparkassenkunden können sich derzeit ihre Mastercards mit eigenen Motiven bedrucken lassen – bedingt. Nachdem ein Freund der Politischen Schönheit dieses, wie er fand, »gut zum momentanen Finanzsystem passende Bild« eingereicht hatte, bekam er folgende Antwort:
Sehr geehrte(r) Herr Daniel Freese,
Leider entspricht Ihr Bild nicht den Richtlinien zur Gestaltung der Sparkassen Picture-Card und musste von unserem Designcenter aus folgendem Grund abgelehnt werden:
Das Bild verherrlicht Krieg, Terror oder andere Gewalttaten.
Sie haben jedoch die Möglichkeit, ein weiteres Bild für Ihre individuelle Picture-Card einzureichen oder ein Motiv aus unsere Online-Galerie zu übernehmen. Das Ergebnis der erneuten Bildprüfung und die Bildreferenznummer wird Ihnen wiederum per E-Mail mitgeteilt. Der folgende Link führt Sie direkt zu Ihrer persönlichen Kartengestaltung: (usw.)
Die bearbeitende Person im Designcenter geht demnach davon aus, dass man durch die Abbildung eines Motivs auf der Kreditkarte diesem Motiv automatisch Herrlichkeit zuschreibe, sei es durch die herrliche Ausstrahlung der Karte selbst oder weil sie annimmt, dass sich doch niemand freiwillig mit einer Darstellung von Konflikthaftem, ja Widersprüchlichem belasten würde. Dass beide Annahmen nur haltbar sind, wenn man ein ziemlich spezielles gesellschaftliches Koordinatensystem zugrundelegt, braucht die Sparkasse aber nicht zu beunruhigen, denn sie hätte alternativ noch ganz andere und bessere Ablehnungsgründe im Repertoire. Wenn man Dichtung als verdichteten Ausdruck von Welterfahrung begreift, dann hat im Hinblick auf die geradezu klaustrophobische Enge des genannten Koordinatensystems vor allem die folgende aus simplen Konjunktionen und Kommata konstruierte Ungeheuerlichkeit poetische Qualität. Ausgeschlossen sind Bilder, die
- gesetzeswidriges oder unsoziales Verhalten zeigen sowie politische, religiöse oder kulturkritische Aussagen, Symbole, Organisationen und Hintergründe beinhalten.
»Von hier aus sehen die Kinder das Meer nicht«
Danilo Dolci, von der italienischen Wikipedia – die deutsche kennt ihn nicht – als »sociologo, poeta e attivist« charakterisiert, hatte sich seit den frühen 1950er Jahren für die Armen Siziliens eingesetzt. Er hatte hungernde Kinder mit Nahrung versorgt, die Anlage eines Stausees und den Bau einer wichtigen Verbindungsstraße erwirkt, eine Schule und einen Radiosender ins Leben gerufen und vieles mehr. Er hatte vom Staat Verworfenen ein Entkommen aus ihrer Resignation ermöglicht und war dafür immer wieder mit jenem in Konflikt geraten; der »umgekehrte Streik« von 1956 – die Ausbesserung einer verfallenen Straße durch eine Gruppe von Arbeitslosen – hatte ihm zwei Monate Gefängnis eingebracht.
In den »Conversazioni con Danilo Dolci« von 1977 berichtet er von seinen Erfahrungen.
Um kreativ zu sein, um sich neue Fragen zu stellen, muss man die Fähigkeit haben, genau zu beobachten, die Realität genau zu sehen. Um das zu erreichen, haben wir als ganz wichtiges Instrument auch Lyrik und Literatur benutzt. Die Kinder und die Erwachsenen sollten begreifen, dass es nicht zwei Bäume gibt, die sich gleichen, dass es nicht zwei Vögel gibt, die sich gleichen, nicht zwei Blütenblätter, nicht zwei Augen.
(…) Eines Tages packte mich ein alter Sizilianer an der Hand und sagte: »Da sind Enten«. Er wollte damit sagen, jetzt, wo wir den großen Stausee haben, bleiben die Enten hier, die früher über das trockene Sizilien hinwegflogen, ohne sich niederzusetzen. Er hatte begriffen, dass wir alles zum Guten verändern können, sogar die Natur. (…)
Wir hatten ein Erziehungszentrum geplant. Viele Konzeptionsbesprechungen hatten stattgefunden, ein Standort war gefunden worden, außerhalb von Palermo. Wir hatten einen alten Sizilianer dorthin mitgenommen, um seine Meinung zu hören. Er aber sagte: »Nein. Von hier aus sehen die Kinder das Meer nicht.« Und wir fanden mit ihm gemeinsam einen besseren Platz, von dem aus die Kinder das Meer und das nun fruchtbar gewordene Gebiet und damit die Entwicklung Siziliens sehen konnten.
(…) In einem Seminar für 12- bis 14jährige Kinder stellten wir die Frage, wieviele Arten von Stille es gebe. Ein Zwölfjähriger, der die Diskussion leitete, schlug vor, jeder sollte aufs Feld gehen, allein, und darüber nachdenken. Nach einer halben Stunde kamen wir wieder zusammen. Der erste Junge sagte: »Stille der Mitternacht, wenn ein Mafia-Mann einen anderen überfällt.« Ein Mädchen meinte: »Stille, wenn eine Mama erstmals ihr Kind säugt.« Und ein anderer Junge: »Stille, wenn Vater den ganzen Tag Arbeit gesucht hat und abends von der Familie angesehen wird.«
Plötzlich meldete sich einer, der feststellte, das sei alles falsch. Das Problem sei ein ganz anderes. Es gebe gar keine Stille. Nach einer großen Diskussion kam man überein: Es gibt keine Stille. Es gibt die Fähigkeit zu hören, zu lernen, zu verändern – oder nicht.
Die sich weigern, Feinde zu sein
Wenn sich das Leben zwischen den Polen Schönheit und Hässlichkeit abspielt (Nr. 4), wo ist dann die Wahrheit zu suchen? Steht sie in einem bestimmten Verhältnis zur Schönheit oder kann sie ebenso schön wie hässlich sein? Lao Tse gab darauf eine entschiedene Antwort: »Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr«. Er hatte Recht, wie der Aphorismus selbst zeigt, der schön, aber nicht wahr ist. Epimenides würde zustimmen.
Und Firas Sabbagh übermittelte uns folgenden Liebesbrief.
hallo wahrheit,
ich liebe dich.
ich komme von dir und hab es nicht vergessen, wie nur du mich das leben hast spüren lassen.
damals als ich noch ein kind war und mein kompass sich frei drehen konnte in die richtung des hafens der lust am leben,
da habe ich erkannt, dass es leben ohne wahrheit nicht gibt.
heute vermisse ich dich und das ist nicht schön … denn es ist schön, zu leben.(mit der zeit habe ich habe gelernt, dass lügen mir einen quasi evolutionäen vorteil verschaffen.
sei es in der liebe, wie auch in beziehungen anderer art und ganz besonderst bei allem, was mit geld zu tun hat.)geliebte wahrheit … manchmal habe ich angst vor dir … NEIN …
… angst vor der reaktion von menschen habe ich manchmal,
dann wenn sie meine liebe zu dir erkennen und aus eifersucht, neid und angst oder gar wohlwollen auf mich einschlagen mit worten, taten und liebesentzug
oder mich einfach wortlos zurücklassen wie ein stück dreck.
ich wurde geschlagen, weil ich dich liebe und ich habe verletzt in deinem namen obwohl ich mit dir meine liebe ausgedrückt habe.
ich finde es schön dass du, wahrheit, das größte geschenk bist, dass wir uns lebenden wesen geben können, denn dann brauchen wir uns nicht mehr zu verstecken.
es tut mir leid, wenn ich dich nicht lieben kann, ohne furcht vor der strafe von menschen, die ihre angst für die erkenntnis um die essenz des lebens halten.
ich finde es schön, dass ich immer wieder aufgestanden bin, um nicht gegen irgendetwas zu sein, sondern FÜR den frieden.
ich liebe dich, wahrheit, denn deine kinder bringen frieden.es ist schön, mich selbst zu lieben in diesem feuer für dich.
ich finde es schön, menschen zu begegnen, die sich weigern, feinde zu sein.
und ich finde es schön, menschen zu begegnen, die wissen, dass Frieden viel mehr ist als die abwesenheit von krieg.ich liebe das leben und deswegen will ich es teilen.
ich finde eure frage nach meiner liebe schön.
firas
